transartist
weil Übersetzen eine Kunst ist

 


Übersetzer und Dolmetscher wird es bald nicht mehr geben? „Pff!“ prustete ich und verschüttete dabei fast meinen ersten Kaffee an diesem Tag - und glaubt mir, gerade der ist mir heilig!

Ich bilde mir ein, dass sich wohl etwas Ähnliches in einigen 1000 Übersetzer-Haushalten abgespielt haben muss, nachdem Lars Klingenbeil diesen Satz bei Anne Will abgefeuert hatte:

Es werden bald ganze Branchen verschwinden, wir haben heute Arbeitsbereiche, die heute noch da sind und gebraucht werden aber in den nächsten Jahren verschwinden werden. Ich nehme mal nur das Beispiel der Übersetzer, der Dolmetscher. Kann ich gern länger ausführen, aber die wird es in ein paar Jahren als Dienstleister nicht mehr geben, weil technologische Entwicklung das überflüssig macht.

Ohne Böses im Sinn lies er diese Worte aus seinem Mund kullern und stieß damit ein Kugelstoßpendel an.

Einer der äußersten Kugeln dieses Pendels war die Übersetzerindustrie oder noch konkreter der BDÜ, welcher die nette Geste der Sorge von Lars Klingenbeil, um die armen, bald arbeitslosen Übersetzer, nicht ganz wertschätzen konnte und zum Gegenschlag ausholte. (Reaktion BDÜ: https://bdue.de/fileadmin/files/PDF/Presseinformationen/181128_BDUe_MI_ZukunftBerufe.pdf)

Einer der anderen Kugeln in diesem Bild war ich.

Was Herr Klingenbeil nicht wusste:

Was er gerade gesagt hatte, fühlt sich für einen Übersetzer in etwa so an, als würde ein brennender Hautauschlag, entstanden durch das jahrelange Kratzen von Bekannten, Verwandten und der Bevölkerung in ihrer fehlenden Wertschätzung diesem Beruf gegenüber durch einen finalen Krallenhieb aufplatzen.

Dear Mr. Klingenbeil, the translation industry is not amused!

Dieses fehlende Wissen um die Wichtigkeit und die Abläufe einer für den digitalen Wandel so essenziellen Industrie, an so hoher Stelle, traf auch mich wie ein Prankenschlag ins Gesicht.

So wie viele meiner Übersetzerkollegen wollte ich das nicht auf mir sitzen lassen.

 „Wir müssen die Bevölkerung aufklären, wir müssen Ihnen erklären, dass Maschinen uns unmöglich ersetzen können!“, ließ ich es fast missionarisch in der Telefonkonferenz mit meinen Geschäftspartnerinnen verlauten. Auch sie waren vollends einverstanden: „Wir müssen dazu einen Artikel schreiben.“

Nach einer ausgebreiteten Recherche über GoogleTranslate, DeepL- Algorithmen und den unterschiedlichsten fundierten Meinungen wie:

„DeepL ist aber schon erschreckend gut“, oder

„Nee, guck mal, da hat es einen fiesen Fehler gemacht“,

 kamen alle anderen in der Industrie und schließlich auch ich bereits mit einfachen Tests zu dem Schluss:

Für den Alltag sind die Übersetzungsmaschinen geeignet, eine professionelle Übersetzung oder gar eine literarische oder eine Marketingübersetzung kann diese Maschine jedoch noch nicht generieren.

Für eine kleine Kostprobe kopiert einfach einen Teil von Edgar Allan Poes’s Klassiker „The Raven“ in DeepL und seht selbst was passiert.

Die Recherche hatte jedoch eines bei mir ausgelöst. Zweifel! (Liebe Übersetzerkollegen, an dieser Stelle bitte nicht den Kaffee runterschmeißen. Weiterlesen 😉)

Und ich fing an, mich zu fragen:

Wie weit ist die Entwicklung der künstlichen Intelligenz wirklich?

Vielleicht sind wir wie die Leute in den Neunzigern, die meinten, das Internet wird sich nie durchsetzen.   

 

Meine Annahme war immer: Künstliche Intelligenz hört dort auf, wo Kreativität anfängt.

Das bedeutet also auch, dass eine KI zum Beispiel nicht in der Lage wäre, diesen Blogartikel selbst zu verfassen, ein Lied zu schreiben oder geschweige denn, Kunst zu schaffen.

Scheinbar habe ich an diesem Gedanken so unerschütterlich festgehalten, wie ein Kind daran festhält, dass seine Eltern allwissend sind, ohne bewusst mitzubekommen, wie Algorithmen in Netflix, Spotify und DeepArt ja genau diesen, vor Maschinen angeblich sicheren Kreativ-Bereich nach und nach infiltriert haben.

Raffinierte Algorithmen mischen überall mit!

Längst bestimmen Zuschaueralgorithmen darüber, welche Art von Filmen die Zuschauer am liebsten konsumieren und geben den Filmproduzenten „Tipps“ welche unter anderem darin resultieren, dass wir alle paar Monate eine neue Marvel-Serie vorgesetzt bekommen - davon scheinen wir nämlich laut Algorithmus nicht genug zu bekommen.

Bei Spotify sorgen Algorithmen dafür, dass Songwriter direktes Feedback zu Ihren Songs bekommen und sei es nur so eines wie: der Song wird ständig weggeklickt, weil das Intro zu lang ist.

Tatsächlich gibt es eine empfohlene maximale Introlänge. Zuhörer würden es bei Klassikern wie Sweet Child O‘ Mine laut Spotify heutzutage also wahrscheinlich nicht einmal mehr durchs Intro schaffen.

Es gibt bekennende Künstler, die zugeben, dass sie sich durch Programme wie DeepArt inspirieren lassen. Sie füttern die Software mit Ihrer Kunst und die „Maschine“ merkt sich den persönlichen Touch des Künstlers, um sie anschließend zu reproduzieren. Je mehr die Maschine vom Künstler lernt, desto eher trifft sie seinen Stil.

 

Und wie sieht es mit dem Schreiben aus? Können Maschinen bald auch Journalisten ersetzen?

AX Semantics verspricht zum Beispiel zukünftig deine Texte für dich zu schreiben. Wie praktisch!

Das Programm unterstützt Texter und Journalisten, wird von diesen vor dem Einsatz trainiert und variiert danach die unterschiedlichsten Daten mit vorgegebenen Inhalten oder gewünschten Tonalitäten.

Besonders in der Massentextproduktion wird dies eingesetzt. Die Software schreibt Wirtschaftsberichte, Sportnachrichten und Nachrichten über veränderte Feinstaubwerte.

   

…und nun, Maschineninvasion? Bedingungsloses Grundeinkommen für alle?

Oh je! Muss es vielleicht also doch bald das bedingungslose Grundeinkommen geben, wie Lars Klingenbeil für uns Übersetzer forderte, weil Programme und Algorithmen für uns schreiben, denken, musizieren, designen, Filmideen entwickeln, also kurz die gesamte Kreativindustrie ersetzen können?

Und ist es nicht paradox, weil uns gerade die Kreativität eigentlich menschlich machen soll und das sein sollte, was uns von Tieren und Maschinen unterscheidet?

Warum hört man die oben genannten Branchen nicht laut schreien: „Die Maschinen nehmen uns unsere Jobs weg!“ oder kam der Schrei einfach nicht bei mir an?

Schauen wir uns die Beispiele genauer an: Sind die Algorithmen denn wirklich kreativ tätig?

Ich nehme mal das Beispiel des Künstlers, der sich durch DeepArt inspirieren lässt.

Dieser nimmt ja nicht die Ergebnisse, die die Maschine ausspuckt, sondern nimmt sie lediglich als Hilfstool. Ich fand unsere Gemälde ja ganz nett, aber druckreif sind sie nicht.

Die Zuschaueralgorithmen von Netflix schreiben nicht selbst den neuen Film, sondern zeigen nur, welche Filmthemen für Zuschauer interessant sind und helfen damit Netflix insbesondere dabei, viel Geld zu verdienen.

Und auch wenn Spotify mit seinem Algorithmus Musiker dazu bringt, ihre Lieder immer stärker dem Mainstream anzupassen, schreibt es sie nicht selbst.

All diese Programme und so auch AX Semantics und DeepL sind noch keine eigenständig denkenden KIs. Sie können eben keine eigenen Ideen entwickeln, van Gogh oder Picasso ersetzen oder Jennifer Lopez 😉.

Vielmehr sind sie raffinierte maschinelle Assistenten, die den Arbeitsablauf in den verschiedensten Berufszweigen (nicht nur in der Kreativindustrie) beschleunigen können.

Ich gehe auch davon aus, dass sie in Zukunft bessere Assistenten abgeben werden und unsere Produktivität steigern können.

Zum Beispiel wird bereits in vielen Krankenhäusern in Amerika Software zur Patientenvoruntersuchung eingesetzt. Damit sparen Ärzte enorm viel Zeit.

Werden deswegen bald die Ärzte arbeitslos? Ich denke nicht.

Bis Maschinen nicht mindestens genauso, wenn nicht besser denken können als ein Mensch,

möchte ich auch lieber:

… von einem menschlichen Arzt behandelt werden,

… Bilder von einem menschlichen Künstler sehen,

… und Texte von einem menschlichen Journalisten/Autor lesen.

No offense, machines! Ihr schreibt einfach noch nicht spannend genug.

 

Nun zurück zu Ihnen, lieber Herr Klingenbeil,

falls Sie mehr wissen als ich und wir kurz davorstehen, dass sich Maschinen in naher Zukunft mittels künstlicher Intelligenz selbst verbessern und damit den technischen Fortschritt derart beschleunigen, dass die Zukunft der Menschheit hinter diesem Ereignis nicht mehr vorhersehbar ist…

Das heißt, falls Sie jemanden kennen, der eine ultimativ smarte KI gebaut hat und damit die technische Singularität anstößt:

Dann gebe ich Ihnen Recht, wir brauchen das bedingungslose Grundeinkommen.

Und da man annehmen kann, dass eine kreativdenkende Superintelligenz auch Politik kann, benötigen Sie es selbst wahrscheinlich auch.

In diesem Sinne übersetze ich jetzt mal weiter, bis zum nächsten Mal!

 

Eure Transartistin

Natalie